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BLÜHSTREIFEN

 

Marler Landwirte tun was für die Artenvielfalt

Auf dem Hof der Familie Westermann sorgt ein Blühstreifen für Farbenpracht und Insektenschutz. 35 Angus-Rinder kommen nahezu ohne Stall aus und liefern hochwertiges Fleisch.

 

Die Landwirte Hendrik (l.) und Norbert Westermann präsentieren ihren farbenprächtigen Blühstreifen, der vielen Insekten eine Heimat gibt. © Katja Wehrland

Landwirte haben bei Umweltschützern nicht immer den besten Ruf. Bodenbelastung durch Überdüngung, Pestizideinsatz und Gülle, überfüllte Ställe – das sind die üblichen Vorurteile. Dabei kann die Realität ganz anders aussehen. Ein Beispiel für viele: Der Hof der Familie Westermann im Marler Westen, zwischen Lippe und Kanal gelegen, zeigt, wie Umweltschutz und artgerechte Tierhaltung zusammenpassen.

Erst vor einigen Wochen hatte der Umweltausschuss des Marler Stadtrats kritisiert, die Marler Bauern täten zu wenig, um bedrohten Insekten eine Heimat zu geben. Bei Norbert Westermann sieht das ganz anders aus. Der 59-jährige Nebenerwerbslandwirt präsentiert voller Stolz einen gut 1000 Quadratmeter großen Blühstreifen direkt gegenüber der Hofzufahrt. Eine Mischung aus 16 farbenprächtigen Pflanzenarten wurde hier im Mai ausgesät. Jetzt steht alles in voller Blüte, Sonnenblumen ragen in die Höhe, Imker haben ihre Bienenstöcke aufgestellt. Es summt und brummt, Schmetterlinge lassen sich auf den Blüten nieder. Mitten am Tag durchstreift ein scheues Reh die Pflanzenpracht.

„Es ist etwas fürs Auge. Wir tun was für die Menschen, aber wir wirken hier auch dem Artensterben entgegen und schaffen Lebensraum für bedrohte Insekten und Vögel“, so Westermann. Sein Hof steht nicht allein. Nach Angaben von Hubert Franzen, Vorsitzender des landwirtschaftlichen Localvereins Marl, sind allein in Alt-Marl, Frentrop und Lippe etwa 16.000 Quadratmeter Blühstreifen entstanden. „Das sind auf drei Meter Breite volle fünf Kilometer“, so Franzen.


 

Insgesamt 35 Angus-Rinder weiden auf den saftigen Wiesen der Familie Westermann im Lippetal im Marler Westen. © Katja Wehrland © Katja Wehrland

Es geht immer auch um die Existenz

Der Hof der Familie Westermann wirkt wie ein Idyll: liebevoll gepflegte Gebäude, umgeben von Wiesengründen im Lippetal, saftiges Grün und viel frische Luft. Doch dahinter steckt harte Arbeit. Und es geht um die Existenz. „Viele Landwirte haben aufgegeben, und auch wir haben uns vor vier Jahren gefragt, wie es weiter gehen kann, ob es überhaupt weitergehen kann“, sagt Norbert Westermann. Doch gemeinsam haben er und sein 30-jähriger Sohn Hendrik eine Lösung gefunden – und die heißt Angus-Rind.

35 Tiere der Sorte Deutsch Angus, deren Vorfahren ursprünglich aus Schottland stammen, weiden auf den 15 Hektar Wiese, die zum Hof gehören. Es sind mächtige Tiere, 650 Kilo schwer. Sie geben ein Fleisch, dessen Qualität ihresgleichen sucht, und sie machen aus den „Westermännern“ Landwirte mit Leib und Seele.


 

Marler Landwirte fördern die Artenvielfalt: Ein Schmetterling hat sich auf eine Blüte im Blühstreifen des Hofs Westermann gesetzt. © Katja Wehrland

Blühstreifen als Willkommensgruß für die Kunden

Die finanzielle Basis des Hofes ist allerdings die Berufstätigkeit der beiden: Norbert Westermann arbeitet Vollzeit als Kfz-Schlosser für schwere Lkw. Sein Arbeitstag beginnt morgens um halb vier. Erst am Nachmittag kann er sich um die Tiere kümmern. Sohn Hendrik (30) ist Fleischermeister in einem Lebensmittelmarkt. Seine Fachkompetenz ist die Basis des Hoflandes, den die beiden zurzeit ausweiten. „Wir haben hier Muttertiere und Kälber aus eigener Zucht. Unsere Tiere stehen 25 bis 30 Monate auf der Weide, also deutlich länger als normale Rinder. Das ist die Basis der hohen Fleischqualität“, sagt Hendrik Westermann. Er hat im Internet einen Vertrieb für das Fleisch aufgebaut. „Unsere Kunden kommen aus bis zu 100 Kilometern Entfernung, um bei uns am Hof das Fleisch persönlich abzuholen“, sagt er stolz. Der farbenprächtige Blühstreifen ist für sie ein Willkommensgruß und ein Symbol für naturnahes Wirtschaften.

In den nächsten Wochen soll ein Automat für den Verkauf hinzukommen. Auch Kartoffeln und Gemüse aus der Region werden künftig im Angebot sein.

„Landwirtschaft muss sich rechnen. Nicht jeder Bauer kann unseren Weg gehen“, meint Hendrik Westermann. Und sein Vater sagt: „Ich wünsche mir eine öffentliche Wahrnehmung der Landwirtschaft, wie sie wirklich ist. Wir sind keine Insektentöter, sondern die Ernährer der Menschen.“